Standpunkt: Wer bestimmt was schön ist – die falsch verstandene Macht der Architekten

Standpunkt: Wer bestimmt was schön ist – die falsch verstandene Macht der Architekten

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Wer zahlt, schafft an! Oder: Der Bau muss dem Bauherren gefallen! Form follows function! – Sie haben immer gedacht, dass ein Gebäude den Nutzern dienen muss? Dass ein gewerblich genutzter Bau eine Funktion hat, dass er Arbeitsprozesse unterstützen muss? Dann empfehle ich zur Unterhaltung eine Münsteraner Architekturposse rund um die Hafenkäserei.

Nachzulesen in vielen Artikeln in der Heimatzeitung. Oder kurz zusammengefasst: Eine Unternehmerin lässt sich ein Gebäude bauen. Sichtbeton-Fassade zur Straße hin. Nach mehreren Grafitti-Schmierereien beschließt sie, die Fassade bunt mit Sujets passend zum Gewerbebetrieb (Käserei) bemalen zu lassen. Doch sie hat den Architekten (ihren Dienstleister!) nicht auf der Rechnung gehabt. Der geht mit viel lautstarkem Rückenwind seiner Kammer dagegen vor. Und: gewinnt vor Gericht. Die Fasse wird wieder grau und lädt erneut illegale Grafitti-Aktivisten ein.

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil hier der Gestaltungsanspruch des Architekten zu weit geht. Ja, eine gute Gestaltung und Architektur müssen einzigartig sein. Architektur ist wertvoll, wenn sie Schöpfungshöhe erreicht und Bauten sind steingewordene Zeichen von Kultur. Aber: Architektur – gleichgültig ob in der Gestaltung von Fassade oder Arbeitswelt – hat eine dienende Funktion. Sie dient dem Menschen. Und in gewerblichen Projekten geht es zuallererst darum, dass das Gebäude die funktionierende Hülle für die Arbeit bietet. Dass diese Hülle die Arbeit der Menschen bestmöglich unterstützt. Und wenn die Hülle selbst von Vandalen so beschädigt wird, dass die Attraktivität des Unternehmens bei Mitarbeitern und Kunden leidet, dass muss das geändert werden. Das muss auch die Verpflichtung eines Architekten sein.

Wenn wir in unseren Projekten den Menschen in den Mittelpunkt stellen, dann geht es genau darum: Es geht darum, eine Arbeitswelt zu planen und zu gestalten, die den Menschen unterstützt. Es geht nicht um die Selbstverwirklichung des Gestalters. Nur eine Planung, die ganzheitlich auf die Bedürfnisse und Bedarfe des Nutzers eingeht, ist eine gute Planung.

Deshalb haben auch wir manchmal bei der Lektüre der Posse um die Wandgestaltung der Hafenkäserei schmundelnd den Kopf geschüttelt, manchmal ist uns aber auch das Lachen im Halse steckengeblieben, wenn mit juristischen Mitteln offensichtliche Nutzerinteressen torpediert werden. Und dann haben wir uns wieder unseren eigenen Projekten zugewandt – mit dem festen Willen, für Menschen zu planen und nicht für die Geschichtsbücher oder Zeitungsglossen.


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